Ich weiß gar nicht so recht wo und wann es eigentlich anfing. Gab es eine Mail, einen Anruf, oder ein zufälliges Treffen? Alina wird es vielleicht noch wissen; vielleicht ist es am Ende aber auch gar nicht so wichtig. Was mir hingegen in bester Erinnerung geblieben ist, ist die Art, wie wir zusammenfanden. Von Anfang an sehr herzlich, sehr warm, sehr vertraut; und wir teilten von Anfang an eine ähnliche Idee, eine gemeinsame Vision vom Kino, vom Dokumentarfilm und wie beide am besten zusammenkommen sollten. Das war toll.
Worum es ging? Natürlich um ihren neuen Film. Sie hat schon einige gemacht, Alina Cyranek ist eine enorm engagierte, grandiose und sehr beherzte Filmemacherin. Einige Filme sind schon durch ihre Hände gegangen, einiges hat sie schon auf die Leinwand gesetzt oder dort kommentiert.
FASSADEN scheint aber besonders, für sie, aber auch für mich, für uns.
Ich habe großen Respekt vor ihrem Film. Ich wusste, das Thema ist – leider – enorm wichtig, enorm präsent, jeden Tag: Häusliche Gewalt gegen Frauen. Ja, das gibt es noch, ja, und zwar schon sehr lange, schon fast immer. Jeden Tag werden Frauen und Mädchen geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt, bedroht, und auch getötet – in Beziehungen, von ihren Partnern, Freunden, Ehemännern oder von ihren Ex-Partnern, Ex-Freunden und Ex-Männern. Es ist grausam, unverständlich und jeden Tag bittere Realität. Wer es – immer noch – nicht glauben kann, dem seien die jährlichen Zahlen des BKA zu Häuslicher Gewalt „empfohlen“. Sie bebildern die gemeldeten und verfolgten Taten; die Dunkelziffer ist um einiges höher! Unfassbar.
Und dennoch, mein erstes Gefühl war, da bin ich ehrlich, der Film ist nichts für uns. Das liegt thematisch zu weit weg von dem was wir machen. Unsere Filme bebildern Menschen, meist aus subkulturellen und politischen Zusammenhängen, die mit sehr viel Eifer und Energie ihren Leidenschaften folgen; da kommen wir her, das machen wir schon seit fast 13 Jahren so.
Doch wie viel politischer könnte ein Film sein als Alinas FASSADEN? Ein Film, der die Betroffenen, und nur die Betroffenen und ihre Perspektiven in den Mittelpunkt rückt, ihre Ängste, ihren Schmerz, die Demütigungen, die Gewalt und die Möglichkeiten aus solchen Beziehungen wieder rauszukommen, den Mut, die Kraft, die sie aufbringen, um sich gegen die Ungerechtigkeit, gegen die Unterdrückung zu wehren.
Es geht kaum politischer, es geht kaum kraftvoller.
Und dann sagt Alina, ich werde es für den Rest meines Lebens nicht vergessen: „Wenn ich es nicht mit euch mache, dann mache ich es mit niemanden!“ Welch eine Wertschätzung, welch ein Lob, was für ein Kompliment.
In den folgenden Wochen dachten wir viel darauf herum, aber eigentlich war zu diesem Zeitpunkt schon klar, wir müssen diesen Film machen, wir müssen ihn ins Kino bringen; er ist einfach zu wichtig, zu gut, er muss auf die Leinwand, unbedingt. Und nun stehen wir hier, die Tour steht, die größte die wir bisher gestrickt haben. 21 Screenings in 18 Tagen, das wird was, vor allem intensiv. In vielen Städten gibt es Bündnispartnerinnen, engagierte Netzwerke, die von Gewalt betroffenen Frauen helfen, sie unterstützen, ihnen Schutz und Beratung bieten. Wir sind froh einen Teil von ihnen auf unserer Tour begrüßen zu können, und wir hoffen durch Alinas Film auch deren Arbeit und Wirken sichtbar zu machen, und deren Notwendigkeit.
Wir freuen uns auf das was kommt.
In diesem Sinne, raus ins Kino, raus zum politischen Film, rein in die Debatte und in die Diskussion.
Ihr wollt uns unterstützen, dabei sein, habt Ideen, Interesse, wollt über unseren Film und die Tour berichten und schreiben, eigene Screenings organisieren – dann meldet euch gern jederzeit bei uns: hello@rotzfrech-cinema.com
Soweit für den Moment.
Herzliche und vorfreudige Grüße,
Tom / Rotzfrech Cinema

